Erdacht im Juli 2000

Komplizierte Verhältnisse

 

Draußen lachte die Sonne. Es war ein richtig schöner Sommertag und eigentlich war er viel zu schade um ihn im Büro zu versitzen. Judith war gerade gar nicht nach Arbeit zumute. Wenn da nicht dieses ewige schlechte Gewissen und die Termine drücken würden. Sie schaute nachdenklich den Telefonhörer an, den sie gerade eben auf die Gabel gelegt hatte. Hannes, ihr hierarchischer Vorgesetzter, war am Rohr gewesen. Im Grunde kamen sie ja recht gut aus. Immerhin hatten sie sich vor Jahren bei einem Seminar das Du angeboten. Schon damals hatte Judith einige Jahre unter Hannes gearbeitet und hatte bewiesen, dass sie nicht nur fachlich voll drauf war. Sie hatte schon geraume Zeit die Verantwortung über mehrere Kollegen übernommen und auch diese Sache immer gut gemacht. Das Du war dann nur noch die konsequente Fortsetzung einer sehr engen Zusammenarbeit. Auch wenn das Du die Zusammenarbeit nicht immer erleichterte. Die Meisten nehmen immer an, dass man es mit dem Du leichter hat. Aber das Du verpflichtet eben auch. Kein Vorgesetzter will gerne enttäuscht werden. Und einer, mit dem man per Du ist schon gar nicht. Heute hatten sie allerdings nicht mehr soviel miteinander zu tun. Die Gruppe war nach dem letzten gemeinsamen Projekt in alle Ecken der Firma versprengt. Dass sie immer noch ein Team waren, konnte man nur noch am Organisationsplan erkennen. Dadurch waren auch nicht mehr so enge Kontakte zu Hannes notwendig. Und eigentlich auch gar nicht mehr möglich. Im neuen Projekt waren andere verantwortlich. Und der Arbeitsdruck ließ kaum Zeit für andere Gedanken, geschweige denn um "alte" Kontakte intensiv zu halten.

Über das Sinnieren war Judiths Frust beinahe verflogen. Aber jetzt kroch er wieder hoch. Denn Hannes hatte sie wieder mit zusätzlicher Arbeit eingedeckt. Ein Gruppenmitglied hatte Probleme in seinem Projekt. Und da bräuchte er Unterstützung. Dabei hatte sie gerade so gar keine Zeit und die Termine drückten. Noch dazu hatte sie im eigenen Projekt gerade mehrere Baustellen offen, um die sie sich kümmern sollte. Andererseits hatte sie im laufenden Projekt eine lustige Situation geschaffen. Sie war zwar bei Hannes zu Hause, aber im Augenblick waren Lukas und Fr. Leser viel wichtiger für sie. Seit geraumer Zeit arbeitete sie nun an Projekten, für die Lukas und dessen Vorgesetzte, eben Fr. Leser, verantwortlich zeichneten. Wenn sie in ihrer täglichen Arbeit etwas brauchte, dann war Lukas viel mehr ihr Vorgesetzter als Hannes. Und manchmal auch Fr. Leser. Die aber dann doch nicht mehr so viel. Jedenfalls hatte sie auch mit Lukas ein sehr gutes Klima aufgebaut. Auch mit ihm war sie schon lange per Du, wobei das bei Lukas irgendwie viel lockerer war, als mit Hannes. Aber vielleicht lag das auch daran, dass da der Altersunterschied nicht so groß war.

Jedenfalls hatte sie es aber geschafft, Verantwortung für einen Teil des laufenden Projekts zu übernehmen. Und dadurch ergab sich die kuriose Situation, dass sie in dieser Verantwortung zum Vorgesetzten von Lukas wurde. Das trat zwar nicht ganz so deutlich zu Tage. Aber da sie in ihrem Eck auch für Arbeit von Lukas verantwortlich zeichnete, musste sie ihn doch hin und wieder auch mal stoßen, wie das denn nun sei mit seinen Zulieferungen. Zum Glück kamen sie sehr gut miteinander aus und es gibt keine Streiterei darüber, wer jetzt wann, wie und warum vom anderen etwas fordert.

Judith musste innerlich lächeln. Wenn sie sich das Ganze so ansah, dann lebte sie in ganz schön komplizierten Verhältnissen. Ein Wunder, dass die Arbeit trotzdem so gut lief.

 


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Aktualisiert am 2007-05-07