Draußen lachte die Sonne. Es war ein richtig schöner Sommertag
und eigentlich war er viel zu schade um ihn im Büro zu versitzen.
Judith war gerade gar nicht nach Arbeit zumute. Wenn da nicht dieses
ewige schlechte Gewissen und die Termine drücken würden. Sie schaute
nachdenklich den Telefonhörer an, den sie gerade eben auf die Gabel
gelegt hatte. Hannes, ihr hierarchischer Vorgesetzter, war am Rohr
gewesen. Im Grunde kamen sie ja recht gut aus. Immerhin hatten sie
sich vor Jahren bei einem Seminar das Du angeboten. Schon damals hatte
Judith einige Jahre unter Hannes gearbeitet und hatte bewiesen, dass
sie nicht nur fachlich voll drauf war. Sie hatte schon geraume Zeit
die Verantwortung über mehrere Kollegen übernommen und auch diese
Sache immer gut gemacht. Das Du war dann nur noch die konsequente
Fortsetzung einer sehr engen Zusammenarbeit. Auch wenn das Du die
Zusammenarbeit nicht immer erleichterte. Die Meisten nehmen immer an,
dass man es mit dem Du leichter hat. Aber das Du verpflichtet eben
auch. Kein Vorgesetzter will gerne enttäuscht werden. Und einer, mit
dem man per Du ist schon gar nicht. Heute hatten sie allerdings nicht
mehr soviel miteinander zu tun. Die Gruppe war nach dem letzten
gemeinsamen Projekt in alle Ecken der Firma versprengt. Dass sie immer
noch ein Team waren, konnte man nur noch am Organisationsplan
erkennen. Dadurch waren auch nicht mehr so enge Kontakte zu Hannes
notwendig. Und eigentlich auch gar nicht mehr möglich. Im neuen
Projekt waren andere verantwortlich. Und der Arbeitsdruck ließ kaum
Zeit für andere Gedanken, geschweige denn um "alte"
Kontakte intensiv zu halten.
Über das Sinnieren war Judiths Frust beinahe verflogen. Aber jetzt
kroch er wieder hoch. Denn Hannes hatte sie wieder mit zusätzlicher
Arbeit eingedeckt. Ein Gruppenmitglied hatte Probleme in seinem
Projekt. Und da bräuchte er Unterstützung. Dabei hatte sie gerade so
gar keine Zeit und die Termine drückten. Noch dazu hatte sie im
eigenen Projekt gerade mehrere Baustellen offen, um die sie sich
kümmern sollte. Andererseits hatte sie im laufenden Projekt eine
lustige Situation geschaffen. Sie war zwar bei Hannes zu Hause, aber
im Augenblick waren Lukas und Fr. Leser viel wichtiger für sie. Seit
geraumer Zeit arbeitete sie nun an Projekten, für die Lukas und
dessen Vorgesetzte, eben Fr. Leser, verantwortlich zeichneten. Wenn
sie in ihrer täglichen Arbeit etwas brauchte, dann war Lukas viel
mehr ihr Vorgesetzter als Hannes. Und manchmal auch Fr. Leser. Die
aber dann doch nicht mehr so viel. Jedenfalls hatte sie auch mit Lukas
ein sehr gutes Klima aufgebaut. Auch mit ihm war sie schon lange per
Du, wobei das bei Lukas irgendwie viel lockerer war, als mit Hannes.
Aber vielleicht lag das auch daran, dass da der Altersunterschied
nicht so groß war.
Jedenfalls hatte sie es aber geschafft, Verantwortung für einen
Teil des laufenden Projekts zu übernehmen. Und dadurch ergab sich die
kuriose Situation, dass sie in dieser Verantwortung zum Vorgesetzten
von Lukas wurde. Das trat zwar nicht ganz so deutlich zu Tage. Aber da
sie in ihrem Eck auch für Arbeit von Lukas verantwortlich zeichnete,
musste sie ihn doch hin und wieder auch mal stoßen, wie das denn nun
sei mit seinen Zulieferungen. Zum Glück kamen sie sehr gut
miteinander aus und es gibt keine Streiterei darüber, wer jetzt wann,
wie und warum vom anderen etwas fordert.
Judith musste innerlich lächeln. Wenn sie sich das Ganze so ansah,
dann lebte sie in ganz schön komplizierten Verhältnissen. Ein
Wunder, dass die Arbeit trotzdem so gut lief.